Mittwoch, 3. September 2008

Phnom Penh

In der Hauptstadt Phnom Penh setzten wir uns mit der Geschichte Kamboschas auseinander und besuchten Museen und Gedenkstaedten.
Ein Kapitel in der Vergangenheit Kamboschas beschehrte uns ein paar harte Tage und ich moechte diesen Teil etwas ausfuehrlicher gestalten, denn mir ist es wichtig euch ueber die Geschehenisse aufzuklaeren die hier geschehen sind.
Es war 1975 als in Kamboscha die Roten Khmer an die Macht kamen. Die Roten Khmer waren ein ultakommunistischer Haufen, unter der Fuehrung von Saloth Sar (auch bekannt unter den Pseudonymen Pol Pot und Bruder Nr.1), die mit einem politischen Putsch an die Macht kamen. Sie drangen einfach mit sehr vielen Soldaten in die Hauptstadt ein und uebernahmen die Kontrolle ueber das Parlament und verhafteten alle Mitglieder der alten Regierung. Wie viele ihrer spaeteren Aktionen geschah dies aeusserst stuemperhaft und nur in den Ansaetzen organisiert. Zuerst wurden sie von der Stadtbevoelkerung als Befreier gefeiert und die Menschen dachten der Krieg habe nun ein Ende. Aber dies war leider erst der Anfang, der Anfang vom Ende.
Das Ziel der KR (Khmer Roughe) war die Erschaffung eines agraren Utopia. Staedte waren fuer sie eine Konzentration des Boesen und der Inbegriff des Kapitalismus. Genauso wie Bildung, alte Traditionen oder Familie. Sie unterschieden die Menschen in obere und untere Klassen. Die Stadtbevoelkerung bildete somit die unterste Klasse und wurde zur Zwangsarbeit auf den Reisfeldern gezwungen. Die Landbevoelkerung wurde zur Oberklasse erhoben und konnten leitende Positionen uebernehmen. Sie zerstoerten jegliche soziale Struktur, trennten Familien und zerstoerten die Bildung in ihrem Land. Das taten sie indem sie einfach alle gebildeten Menschen festnahmen und umbrachten.

Alle Staedte wurden zwangsevakuiert und landesweit wurden Camps errichtet, in denen Kinder, getrennt von ihren Familien von den KR zu ihren Zwecken erzogen wurden. Bauern mit null Bildung oder Faehigkeiten uebernahmen die Kontrolle in Kamboscha und nur die oberste Befehlsschicht bestand aus intelligenten, gebildeten Personal.

Die ganze Idee dahinter war eine loyale Gefolgschaft zu erschaffen die zunaechst aus dummen Bauern bestand, die geblendet werden konnten und stupide ausfuehrten was ihnen gesagt wurde. Desweiternen waren viele sehr arm und die KR gaben ihnen Macht und gutes Essen. Andere folgten einfach aus Angst, eventuell selbst getoetet zu werden.

Die naechste Generation sollte aus Kindern entstehen, die ausreichend Gehirnwaeschen unterzogen wurden und wie Maschinen loyal handelten und an die Vision glaubten.
Viele Kinder zwischen 10-15 Jahren wurden so zu Kindersoldaten und Gefaengnispersonal ausgebildet und verrichteten in ihrer kindlichen Dummheit und Grausamkeit oft schrecklichere Taten als ihre erwachsenen Kollegen.
Alle Gegner des Regimes wurden verhaftet, gefoltert und getoetet, was gegen Ende in einem willkuerlichen Voelkermord ausartete.
Wie ihr euch vorstellen koennt ging der Plan nicht so ganz auf. Mit dem Abschlachten der Bildungselite wie Aerzte, Lehrer usw. verschwanden auch die lebensnotwendigen Institutionen und ein Grossteil der Bevoelkerung arbeitete und starb auf den Reisfeldern. Man naeherte sich immer mehr der Steinzeit und ueberall brachen Hunger und Krankheit aus und die Produktivitaet sank rapide anstatt sich zu erhoehen.
1979 setzten die Vietnamesen diesem Terrorregime endlich ein Ende und marschierten in Phnom Penh ein.
In diesen 4 Jahren wurde das ganze Land in seiner Entwicklung um Jahrzente zurueckgeworfen und 1/4 der Bevoelkerung getoetet!


Heute gehoert Kamboscha zu den aermsten Laendern unserer Erde und viele der Ueberlebenden haben noch heute mit psychischen Problemen zu kaempfen, die sie durch Taten der KR erleiden oder mit ansehen mussten.

Das ist ein Gedicht eines Ueberlebenden. Wenn ihr darauf klingt koennt ihr es vergroessert sehen und lesen.


Dies war mein Versuch einer groben Zusammenfassung ueber die KR und im folgenden moechte ich auf die Gedenkstaetten und ihre Bedeutung eingehen, die wir besucht haben.




Genozidmuseum Toul Sleng

Das Museum befindet sich in den Raeulichkeiten der ehemaligen Toul Svay High School. Zwischen 1975 und 1979 war hier das beruechtigte Gefaengnis S-21 der Roten Khmer, durch dessen Tore ueber 13000 Menschen - anderen Schaetzungen zufolge sollen es ueber 20000 gewesen sein - in den Tod gingen. Vor allem die gebidete Elite lernte das S-21 als Verhoer- und Folterzentrum fuerchten: Aerzte, Lehrer Militaerpersonal, Verwaltungsangestellte und andere "Verdaechtige" wanderten durch die erbarmugslosen Haende der Roten Khmer. Das Regime waehlte seine Opfer willkuerlich aus - sogar Kinder und Babys wurden verhaftet und gnadenlos abgschlachtet.
Durchschnittlich bis zu 1500 Gefangene waren hier einst untergebracht, in winzige Zellen gepfercht oder in den frueheren Klassenzimmern an den Boden bzw. aneinander gekettet. Noch immer sind die Balkone der oberen Stockwerke mit Stacheldraht abgesichert, der die Haeftlinge am Sprung in den vorzeitigen Tod hindern sollte.

Im ersten Block gleich nach dem Eingang stehen in manchen Zellen noch eiserne Bettgestelle, an denen die Inhaftierten festgekettet waren. An den Waenden befinden sich Fotographien der Leichen, die in den Raeumen gefunden wurden. Diese Bilder haben mich mitunter am meisten geschockt. (Ich verzichte bewusst darauf Fotos mit solchem oder aehnlichen Inhalt hochzuladen, denn ich weiss nicht wer alles meinen Blog liest. Wer sich aber naeher mit diesem Thema beschaftigen moechte und sehen moechte was ich gesehen habe, kann mich gern kontaktieren und sich mein Fotomaterial ansehen.) Als die vietnamesische Armee das Gefaengnis 1979 erreichte, traf sie nur noch 7 Haeftlinge (von 1500 dieses angeblichen "Gefaengnisses") lebend an. Ueberall lagen Leichen von Gefangenen, die erst kurz zuvor ermordet worden waren - ihre sterblichen Ueberreste liegen im Hof begraben.


Andere Raeume sind so klein, dass ein ausgewachsener Mensch nicht genuegend Platz hatte, um sich auszustrecken. An den Waenden im Erdgeschoss haengen tausende Schwarzweissbilder von Opfern, aus deren Augen die gesamte Bandbreite von Emotionen spricht, von Angst ueber Trotz bis hin zu Leere. Sie alle tragen Nummern, denn die roten Khmer dokumentierten penibelst, wer ihnen in die Haende fiel. Ein Grossteil der Ermordeten waren Kambodganer, doch auch Auslaender (Asiaten und Westler) wurden verhoert und gefoltert.
Die Bestuerzung laesst auch nach der Fotoausstellung nicht nach. Es folgen Erlaeuterungen ueber Foltermethoden, von einem der Ueberlebenden grafisch dargestellt. (siehe unten)


Das unterste Bild zeigt den sog. "Killing Tree" der sich auf den Killing Fields befindet. Er wurde dazu genutzt um Babys zu toeten indem man sich einfach dagegen geschlagen hat und danach in ein Massengrab geworfen. Bei dem Gedanken daran ist mir schlecht geworden...




Choeung Ek - "The Killing Fields"

Nur 12 km suedwestlich von Phnom Penh liegt das beruechtigte Choeung Ek, wo die Gefangenen von Toul Sleng hingerichtet wurden (wenn sie nicht schon durch die Folter starben). Die Staette
ist nur eine von mehreren 100(!) in Kambodscha, welche die voelkermoerderischen Roten Khmer fuer ihre Massenmorde missbrauchten. Anfangs wurden die unliebsamen Gegner - Maenner, Frauen und Kinder, die man des Landesverrats bezichtigte - auf der Stelle erschossen, doch spaeter gingen die Roten Khmer dazu ueber, ihre Opfer zu erstechen oder zu Tode zu knueppeln, um wertvole Munition zu sparen. Als auch das Benzin zur Neige ging, wurden die Gefangenen auf ihrem Transport von Toul Sleng nach Choeung Ek einfach hinter die Fahrzeuge gebunden, zu Tode geschleift und danach in die Reisfelder am Strassenrand geworfen.
Die Gedenkstaette beherrbergt heute die sterblichen Ueberreste von 8985 Menschen, die im Jahre 1980 aus 86 Massengraebern geborgen wurden. Schaetzungen zufolge wurden auf den Killing Fields sogar ueber 17000 Menschen abgeschlachtet - noch immer gibt es 43 ungeoeffnete Massengraeber.


Der oben erwaehnte Killing Tree in echt, mit Knochen und alten Kleidern


Als Deutscher sind mir der Genozid und seine Bilder nicht fremd und ich habe auch in Deutschland schon viele Gedenkstaetten besucht. Aber was ich hier gesehen habe hat mich irgendwie mehr erschuettert. Ich weiss nicht ob es an den Fotographien lag, die man in Deutschland nie ausstellen wuerde, oder ob es einfach die Tatsache ist, die Geschehenisse aufgrund meiner eigenen Landesvergangenheit besonderst intensiv nachvollziehen zu koennen.
Auf jedenfall hat mich dieser Wahnsinn der Menschen unglaublich erschuettert und der Gedanke, dass sich so etwas staendig wiederholt und sogar noch heute in Afrika passiert, macht mich krank, wuetend und unglaublich traurig...

Diese Karte von Kamboscha wurde aus Knochen und Schaedeln aus den Massengraebern der Killingfields gemacht. Wegen Zweifeln an der moralischen Vertretbarkeit existiert sie heute nur noch als Fotographie.

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